Blizzard sagt Classic und „WoWgida“ tobt durch die Foren

 

Was kann man in Spieleforen lernen, selbst wenn man nicht spielt, sie sich aber als Politiker einmal anschaut? Viel, sehr viel, sie sind ein Spiegel dieser Gesellschaft!

Kann ein Spiel zum Spiegelbild der Gesellschaft werden? Ja, es kann, das beweist sich derzeit nirgendwo besser als im Forum von World of Warcraft. Und selten war es interessanter sich damit einmal zu befassen, darin zu stöbern. Es ging ja schon immer hoch her, wenn Blizzard Änderungen verkündete, wenn sich das Spiel änderte, doch was da jetzt diskutiert wird, das zeigt punktgenau, wie sich die Republik in 13 Jahren verändert hat, ist ein Spiegel dessen, was ansonsten im wahren Leben auch so auf unseren Straßen passiert.

Es tobt der Hass, der Neid, das Nicht-Gönnen wollen, und vergleicht man wie sich die Berufswelt verändert hat, so findet man sogar das in den Foren, wenn da gepostet wird: Ich will effizient spielen. Ja ne, is klar, sich im Spiel unter Druck setzen, effizient hat er zu sein, der Mitspieler. Keinen Unterschied hat es zu geben zur Arbeitswelt, durch getaktet hat er zu sein der Mitspieler, Effizienz hat auch in der Freizeit zu gelten. Geht es noch?Ich dachte ja, ich bekomme den Föhn, als ich sah, welcher Hass und welche Wut eine solche Ankündigung auslösen kann, welche Vorurteile und wenigstens ein Beispiel aus Heise will ich hier zeigen:

Mirror

mehr als 1000 Beiträge seit 08.03.2003

Für geistig hängen gebliebende

die meisten dort, die noch immer in ihren nach Schweiß, Urin und Schiss stinkenden, abgedunkelten HartzIV finanzierten Wohnhöhlen und ihren Pizza Schachtel Türmen hausen, um 20h durch zu kämpfen:

Es gibt neue Abenteuer bei WoW.

Merket und blicket auf!

Die Abenteuer heißen aber nicht Arbeitsmarkt und Schwitzen bei der Arbeit.
Ihr Systemversager, in der Realität und Verlierer im Netz.

Dazu seit ihr bereits zu schwach. Also bleibt im Dunkeln.

Wut wird da geäußert darüber, dass man vermutet, es könne einem etwas weggenommen werden, wenn der Spieleanbieter einen Retroserver schafft, unterstellt wird umgehend, es könne ja beim eigenen Server zu Wartungsschwierigkeiten und Leistungsminderungen kommen, die Entwickler für noch schnellere Addons abgezogen werden, und da wären die zu erwartenden Einnahmen ohnehin besser aufgehoben und das ginge ja mal gar nicht und überhaupt sieht man nicht ein, dass man für Nostalgiker so einen Schwachsinn mitfinanzieren muss, und wenn überhaupt, dann sollten doch jene Spieler, die dem eigenen Server vielleicht verloren gehen, dadurch abgestraft werden, dass Blizzard ihnen saftige Preise, die mindestens 3-5 Mal über den monatlichen Gebühren liegen müssten, abverlangen, denn dadurch könnte es dazu kommen, dass man selber etwas länger bräuchte um Gruppen oder Raids finden zu können. So in etwa die Zusammenfassung derer die anderen nichts gönnen können, weil alles andere nicht effizient genug ist als man selber. Und hier die getroffene Ansage: „We’re going to hire people specifically for this job, and we’re going to staff it with people who are interested in bringing back Classic WoW in the best, most authentic way,“

WoW und die wirtschaftliche Entwicklung in einer alternden Gesellschaft

Da gibt es keine Parallelen? Es gibt sie sehr wohl, denn alle, die da jetzt gidaähnlich durch das Forum pöbeln, haben nicht verstanden, was wirtschaftliche Entwicklung in einer alternden Gesellschaft bedeutet, es bedeutet Entschleunigung und für viele Unternehmen auch, dass man vermehrt auf Menschen zurückgreift, die bereits im Rentenalter sind, und weshalb diese die Rente nicht ruhen lassen und stattdessen voll berufstätig sein können, das weiß auch nur der Geier, das sollte man unsere politisch Verantwortlichen einmal fragen, denn viele Menschen würden es so gerne handhaben, noch mehr verdienen, weiter Rentenpunkte sammeln, und behaupte bitte niemand das Gegenteil. Das muss viel flexibler gehandhabt werden können als derzeit, denn viel kann von älteren Arbeitnehmern gelernt werden und gute Unternehmen haben das längst verstanden, und niemand denkt daran jemandem etwas wegnehmen zu wollen, wenn eine Wahl zwischen Zwangsverrentung und Wahlfreiheit bestünde, oder wenn man eben die Rente einfach aussetzen und erneut arbeiten könnte. Nur dagegen stehen halt viel zu laute Stimmen, die uns ständig einreden wollen, solche Arbeitnehmer seien nicht vorhanden und überhaupt sei man nach bestimmter Zeit körperlich am Ende. Niemand sollte das vorschreiben, es sollte individuelle Entscheidung sein zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Aber lassen wir das, zurück zum Spiel.

WoW ist ein Spiel, ein Spiel, ein Spiel

Es ist richtig, dass WoW massiv an Spielern verloren hat, und ja, das Spiel fesselt derzeit nicht dauerhaft, denn es wird immer mehr in eine Richtung geändert, in der sich immer weniger Menschen wiederfinden, die individuell spielen können, wie es ihnen gefällt. Das Spiel läuft gegen Ende auf Krieg hinaus, massives PvP und das liegt nun einmal nicht jedem, und nicht jeder ist im Spiel darauf aus, effektiv an Erfolgen zu arbeiten. Wozu auch? Es ist ein Spiel, es soll Freude bereiten, es muss schon gar nicht innerhalb einer bestimmten Zeit beendet werden wie ein Projekt. Und es darf auch gerne etwas länger dauern, als etwas, das effizient zu sein hat, denn es ist angesiedelt in der Freizeit und nicht als Nebenjob oder Vollzeitbeschäftigung gedacht.

Freizeit gestalten, wie geht das?

Ich glaube, das haben viele vergessen oder nicht gelernt, jedenfalls solche Mitmenschen, bei denen alles effizient zu sein hat. Freizeit gestaltet man indem man entweder sich mit sich selber befasst oder indem man diese mit anderen Menschen gestaltet. Nur wie geht das, wenn man auf niemanden mehr angewiesen ist, wenn man sich alles kaufen kann, was ein Spiel effizient an den Höhepunkt bringt? Möglichst auf höchstem Level einsteigen, wie auf einem Trial-Server ins Spiel starten, indem man einen voll ausgestatteten Char findet. Das soll Freude bringen, dieses sich nichts mehr erarbeiten sondern alles kaufen können, weil man ohnehin nicht weiß, wohin mit dem Geld?

Ein Spiel spielen, das man vorab bereits kennt, weil man während der Testphase bereits alles gesehen hat? In Testphasen locke ich höchstens ein um zu schauen, ob es vom Questverhalten und da der Menge her für mich zu bewältigen wäre, und dafür reicht mir ein einziger Tag und an dem ein oder zwei Stunden. Was will ich denn mit einem Spiel, das ich vorab durchgespielt habe, es wird mir unverständlich bleiben?! Kurz rein, und dafür die Zeit begrenzt, schnuppern und das sollte genügen. In anderen Spielen weiß ich dann, ob ich das Addon von meiner Spielweise her schaffe oder schaffen will und ich kann das Spiel auch ohne dieses Addon flüssig wie zuvor und oft mit neuem Content auch für die anderen eben auch spielen und es wird nicht uninteressant, weil die Levelphase eben wesentlich länger dauert und viel ausgefeilter ist, weil ich endlose Inis alleine und wenn ich will andere auch in Gruppen spielen kann, die wesentlich schwieriger sind und mehr als einen Spieler benötigen, und wo sich die Mobs meinem Level anpassen und wo ich dadurch kaum Low-Level Gebiete habe, wo es gefährlich ist und bleibt, auch beim Farmen.

Freizeit gestalten statt Leistung erbringen

Ich für meinen Teil sage, genau das macht mir am Spiel Freude, keinen Spaß macht das Durchgehetze, weshalb es mich zuletzt in WoW gerade noch 6 quälende Wochen gehalten hat, denn ich weiß, ich könnte, und andere tun es, sich alles kaufen, derweil die alten Gilden sich längst aufgelöst haben, weil ihnen genau das derart auf den Senkel geht, weil man eben sich nicht um Mitspieler bemühen muss, weil dadurch eben das Miteinander verloren geht, weil man die nächste Gruppe an jeder Ecke findet, und weil gewisse Dinge dann eben ruinös beim Endboss für jeden innerhalb kürzester Zeit und eventuell sogar noch auf den eigenen Char zugeschnitten geradezu verschenkt werden, als habe man sie in Massen für irgendeinen Billiganbieter wie Aldi in China produzieren lassen. Und ich will nicht einfach durch Spiele rushen, ich will sie länger genießen als wenige Wochen, will dass nicht jede Mats zum Tiefstpreis gehandelt wird, will wertvolle Mats, die eher selten droppen.

Nicht alles war besser, aber meist die Umgangsformen

Und nach kurzer Zeit schlägt quasi die eine Hälfte der Community im Forum auf und schreit zu einfach, zu wenig Content, und die anderen verabschieden sich still und leise, weil würden sie sagen, was sie denken, der Shitstorm im Forum wäre ihnen garantiert, dieses Heul doch, und der 13 Euro-Joker oder gleich, Verpiss dich, ich finde es gut, und Kritiker mögen doch bitte die Klappe halten. Das Niveau der Diskussionen hat sich massiv verschlechtert wie auch das verhalten im Spiel, wo eben jeder aus Gruppen gekickt wird, der nicht effizient und schnell genug spielt. Freizeitvergnügen stelle ich mir anders vor und deshalb spiele ich auch Spiele, die mir mehr Miteinander statt gegeneinander bieten und wo es dem Einzelspieler erlaubt ist, wahlweise eben auch in Gilden sein zu dürfen die raiden, obwohl er selber nur Freude am Handeln und Farmen hat, wo er aber dennoch, wenn er anfragt gerne mitgenommen wird in Abenteuer, die er nicht kennt, und wo man dann eben auch mal eine Stunde länger benötigt, weil sich dieser merkwürdig geskillte Spieler eben nicht auskennt, und es rennt niemand davon, wird niemand gekickt, und niemand pöbelt rum und beschwert sich, stattdessen erklärt man und freut sich am Ende für den, der anderswo Noob genannt worden wäre, dass er nun doch auch einmal das gesehen und erhalten hat, was für Effizienzspieler selbstverständlich ist. Und ja, so war das alte Classic, man brauchte in Normalgilden, die nicht mit heutigem E-Sport vergleichbar auf Server First spielten und Marathon-Gaming betrieben, jeden und jeder war willkommen und fand sein Nischenplätzchen. Nichts musste, alles konnte und das bei guter Atmosphäre.

Classic Server für Menschen, die politisch menschlich und sozial ticken

Ich habe mir die Foren auch angeschaut, weil ich irgendwie noch immer eine Begründung für den alt-neuen Begriff von Heimat suche und nach seiner Berechtigung. Und genau da ist er, der Begriff Heimat. Dinge schätzen, wenn man sie hat, Werte und Menschen vor Neoliberalismus und über ihn. Heimat bedeutet für mich, nicht was ich derzeit finde, nämlich 2!, ja 2! Edeka Läden auf 100 Metern in 1,5 Kilometer Entfernung, nein, Heimat bedeutet für mich, dass es wie einst einen auch für ältere Mitbürger leicht erreichbaren Tante-Emma laden geben würde, dass nicht verwaist, was angeblich nicht wirtschaftlich sein kann. Sagt wer? Heimat bedeutet für mich, dass ich mich wie ein Kleinkind freue, wenn es in meiner eigenen Umgebung frische Erdbeeren gibt, und nicht, dass ich sie mir zu jeder Jahreszeit kaufen kann, obwohl sie einfach nur noch nach Wasser schmecken.

Heimat bedeutet für mich, Dinge nicht entsorgen zu müssen, nur weil sie nach kurzer Zeit ihren Geist aufgeben, Heimat bedeutet Freude auf etwas, was es nicht immer überall gibt, Heimat bedeutet abwarten zu können, und mit Menschen reden zu können, die im kleinen Geschäft vor mir mit der uns seit Jahren bekannten Verkäuferin schwätzen, statt in seelenlosen und immer gleich ausschauenden Geschäften einkaufen zu müssen, und Heimat in WoW bedeutet für mich, dass auf Classic Servern eben viele Dinge benötigt werden, die heute inflationär jedem nachgeworfen werden. Schwarzer Lotus, wie sehr ich mich auf diesen freue, oder auf Teufelsstoff, auf Höhlen, die du eben nicht mal eben in einer Stunde freispielst um sie durchqueren zu können, sondern wo du Tage oder Wochen brauchst, bis du dafür den Ruf bei gewissen Bären erworben hast. Und Heimat im Spiel bedeutet für viele Menschen eben: laufe und genieße, fahre eben Rad statt Auto, entschleunige. Und es werden sich nicht die wundern, die Classic schon immer legal spielen wollten, sondern die, die nicht mehr wissen, wie miteinander statt gegeneinander funktioniert, was Entschleunigung bedeutet, denn die Altspieler wählen bewusst, die anderen aus Neugier …

Und ja, ich mag Konzerne, die auch einmal auf eventuelle Minderheiten hören und reagieren: If millions of people show up and play for years, that’s awesome. And if just tens of people show up and play for years, we’re fine either way. What’s important to us is that we have this Classic experience people can enjoy, that people do have the opportunity to go back to. 

Leben und leben lassen!

Und ja, da gibt es derzeit viel Hähme im Forum bei Blizzard und es geht zu wie im echten Leben, doch wie konnte es soweit kommen, und wieso hat man innerhalb von 13 Jahren es geschafft derart negativ zu denken, anderen nichts zu gönnen, dauernd zu befürchten, irgendjemand wolle einem etwas wegnehmen? Selbst in der Freizeit? Und warum kann man nicht einfach akzeptieren, dass es Minderheiten gibt, die ebenfalls ein Recht auf Teilhabe an Freizeit und das unter erschwerten Bedingungen haben möchten? Kann man nicht wenigstens in der Freizeit auf Effizienz verzichten und anderen gönnen, was man selbst nicht tun würde? Ich lasse andere doch auch Fußball spielen oder schauen und nehme ihnen nicht die Freude am Sport auch wenn er mir gewaltig auf den Senkel geht, und ich erwarte von meinen Mitmenschen aber auch, dass sie im Gegenzug akzeptieren, dass es auch Freizeitangler oder Kaninchenzüchter oder Baseballer gibt, wobei ich mir wünschen würde, dass auch solche Ereignisse einmal in den öffentlich-rechtlichen übertragen würden, ganz einfach, weil sich dann mehr Mitmenschen vertreten fühlen würden, und weil ich ebenso denke, selbst fallende % Hürden würden für mehr Vertretung im Bundestag sorgen, wenn sie denn endlich käme. Und ich frage mich dauernd, ob bei ungewöhnlichen Sportübertragungen im Fernsehen, dann auch Foren überlaufen werden würden, von Leuten, die da rumpöbeln würden, ihre Beiträge aber bitte nicht dafür, weil anderen etwas mitfinanzieren, das geht ja mal gar nicht. Und ja, wer in Spieleforen schaut, der kann viel lernen über den Zustand dieser Gesellschaft, über Ellenbogen und Egoismus, darüber, wie Effizenz bereits im Babyalter anerzogen das land verändert hat und auch warum Menschen gidas folgen.

Und was kann man in Spieleforen lernen, selbst wenn man nicht spielt, sie sich aber als Politiker einmal anschaut? Viel, sehr viel, sie sind ein Spiegel dieser Gesellschaft!

Was auch immer ihr tut-entschleunigt und lernt gönnen!

©denise-a. langner-urso

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.