Frankreich, Deutschland, Großbritannien: Von Wahlen, Zahlen und Wählern

Frankreich hat gewählt, und wie nach jeder Wahl ruft jemand, wie ungerecht doch der Wahlausgang sei. In Großbritannien nach der Brexitabstimmung taten dies überwiegend junge Menschen, die nicht gewählt hatten, in Frankreich hingegen meldet sich Le Pen zu Wort. Und ja, es scheint tatsächlich ein Problem zu geben, denn es muss ja einen Grund geben, dass Menschen nicht wählen. Verstehen sie nicht, worum es geht, oder wissen sie nicht, was sie wollen, ist es ihnen vielleicht völlig egal? Ich vermute derweil ja tatsächlich eher letzteres.

Zuerst ein Blick auf die Insel, denn das erlaubt uns vielleicht doch die Erkenntnis, warum eben Menschen nicht mehr wählen, nämlich weil sie das Gefühl haben, ihre Stimme könne tatsächlich nichts ändern. Da wurde zwar gewählt, aber eine echte Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Programmen, die gab es ja tatsächlich nicht.

Beide Kandidaten, die dort überhaupt eine Chance gehabt haben, eine Regierung bilden zu können, kamen nämlich mit fast gleichen Programmen daher. Dabei hätte die Entscheidung eigentlich lauten müssen: wollen wir den Unfug, den wir zuletzt durch unsere Wahlenthaltung angerichtet haben eigentlich, oder lieber dann doch nicht. Das wäre eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten gewesen, nur dazu fehlte der Oppositionspartei das Rückgrat.

Es geht nur um die Umsetzung?

Die Frage lautete quasi nur, er kommt ja nun, also egal, wählen wir eben, ob wir ihn knallhart führen wollen, so dass wir am Ende quasi als Sturköpfe vor den Augen der Welt stehen, oder sind wir verhandlungsfähig und können es etwas leiser machen, ohne dass man uns als Boxkämpfer anschaut. Ich hoffe, meine Leser verstehen, was ich ausdrücken will.

Es gab nicht wirklich eine Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Dingen, es war egal, ob man teilnahm, denn durch diese Wahl ändert sich ohnehin nichts, der Brexit ist beschlossene Sache, nur die Kandidatin für die Verhandlungen wurde bestraft, auch von den eigenen Leuten, die ihr den Stimmenverlust nicht verzeihen, weil sie selber an die Fresstöpfe, die etwas mehr eigenes Rampenlicht und Geld bringen, wollen, die stets in allen Parteien im Hintergrund auf eigene, bessere Posten spekulieren.

Nur wenn es keine Wahl gibt, wenn nur das äußere Bild entscheidet, wenn es den Menschen doch offensichtlich in ihrem eigenen Leben gut geht, warum zum Geier sollen sie dann zum Wohle anderer, gar der Gesellschaft wählen? So viel Egoismus trauen sie Wählern nicht zu? Ich schon, und die Wähler in Großbritannien haben genau so gewählt.

Wenn es gar keiner Wahl bedarf

Es gab also die Brexitabstimmung und vor ein paar Tagen erst meinte Frau May, sie brauche für die Ausstiegsverhandlungen mehr Rückhalt. Und was wurde bewiesen, Rückhalt für den Brexit gibt es offensichtlich genug, in allen Parteien und bei den Wählern. Man hätte sich diesen Wahlgang auch sparen können, denn wie vorab gesagt, es gab keine Wahl zwischen A und B. Es soll sich also nach der Wahl tatsächlich nichts ändern, deutlicher, als dadurch, dass keine Partei Alternativen bietet, kann man es Wählern nicht zeigen. Und die Frage nach besserer sozialer Absicherung für alle, auch die stellen auf der Insel zu wenig Wähler, denn offenbar stellen die Wähler, stellt sich für diese die Frage wohl auch nicht, dafür scheint es zu wenig Interessenten zu geben.

Kommen wir zu Frankreich. Da bemängelt Le Pen, ein ungerechtes Wahlsystem. Und das zu einer Zeit, wo sie tatsächlich einen radikal anderen Kurs fährt, obwohl sie einen Gegenkandidaten hat, der quasi aus dem Nichts kommt, es mit vorerst einer Bewegung an die Spitze des Staates geschafft hat. Und wo ich mir wünsche, so etwas wäre auch bei uns einmal möglich-aber das nur nebenbei. Und was passiert dort? An die 50% der Wähler gingen nicht zur Wahl, und das obwohl dort ein neues Gesicht steht, obwohl dort eine Bewegung agierte, obwohl dort jemand behauptet, vieles viel besser machen zu wollen. Nur was, das ist nicht wirklich klar, bleibt irgendwie schwammig, und näher an Europa und an Altpolitik geht auch kaum. Es ist halt nur ein neues Gesicht. Was also hielt in Frankreich die Menschen von der Wahlurne fern? Vielleicht das Gefühl, dass egal, wem sie ihre Stimme geben, sich doch nichts ändert, als das Gesicht dessen, der dies verkündet?

Bewegung die den Ist-Zustand unterstützt?

Und wozu schafft man denn eine Bewegung, wenn die auch nur aus Menschen besteht, die eigentlich nur eins wollen, alles soll bleiben wie es ist, es soll ihnen nur ein anderer bestätigen, als eine alteingesessene Partei unter vielen anderen wählbaren Alternativen mit zu wenig an Unterschieden? Was also bringt den Menschen ein anderes Gesicht, was bedeutet das für die Parteien?

Genau das, es geht den Menschen gut, und eigentlich kann man sich Wahlen und damit dem Steuerzahler viel Geld sparen, wenn man sie nicht abhält, und tut man es, dann doch bitte mit unverbrauchten Kandidaten, denn in Europa gibt es kein wirklich herausragendes Thema, dass die Menschen bewegt außer dem, dass eine Partei ihren Lebensstil finanziell hier und da mit ein paar mehr Euro in der Tasche sichert und zweigt, dass man als Politiker und Gesamtpartei zumindest nach außen Härte und Entschlossenheit signalisieren kann.

Und jetzt behaupte noch einmal jemand, den Menschen in Europa ginge es schlecht. Denen geht es so gut, dass man sie hin und wieder nur mit neuen Gesichtern in Spitzenfunktionen beglücken muss.

Der Wähler hat ein Elefantengedächtnis

Und was lernen wir daraus für die kommende Bundestagswahl? Tauscht hin und wieder, und das möglichst kurzfristig vor Wahlen noch einmal ein paar harschen Worten und krude Themenvorschläge aus. Dann reicht das auch immer für die Stammklientel, vielleicht sogar für etwas mehr, tut das nicht zu lange vor Wahlgängen, dann klappt das auch mit dem Wähler. Und in Hinsicht auf die SPD und Die Grünen: Wer einmal massiv an gewissen Sozialsicherungen geschraubt hat, dem verzeiht der Wähler nicht, und dagegen ist eine Mehrwertsteuererhöhung, die alle trifft ein Lacher. Und Autofahrer sind eine gewaltige Elefantenherde.

Zukunft ist heute, und sonst gar nicht

Und jetzt: gut Ding will Weile haben, braucht nachhaltige und günstige Lösungen, die die Masse aller Normalbürger sich auch leisten kann. Und dagegen ist auch ein Einstieg in erneuerbare Energien eine Kleinigkeit, denn auch das trifft die Mehrheit der Menschen im Land die Kosten betreffend. Wahlen gewinnt allenfalls, wer den sozialen Ist-Zustand sichert, erhält und unter Umständen diesen innerhalb einer Wahlperiode etwas verbessert, und das für die gefühlte Mehrheit. Eben weil es dieser Mehrheit so schlecht, wie oft behauptet eben dann doch nicht geht, und weil jene, über die man es sagt, so viele dann wohl doch nicht sind. Und wenn man es ganz ehrlich sieht, dann ist den Menschen die Sicherung dessen, was ihnen mit bekanntem nicht genommen oder nur kaum spürbar abhanden kommt, mehr wert, als jedwede Diskussion um Gesichtserkenntnis, denn was zählt, ist der Kontostand am gleichen Tag, und sonst gar nichts, und was alles andere betrifft, damit befasst sich der Normalbürger, wenn es so weit ist. Und ob dieser eine Rente in x Jahren erhält, darüber denkt er heute kaum nach, die Parteiendiskussion verfolgt er eher amüsiert, dafür läuft viel zu viel Wasser gewisse Flüsse herunter, ändert sich zu viel, kann er längst das Zeitliche gesegnet haben.

©denise-a. langner-urso

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