Heiner Geißler – Wenn „Kultivierte Streitkultur“ stirbt

 

Erneut geht den Parteien, dem Land, uns, jemand verloren, der dazu fähig war frischen Wind in Debatten zu bringen, der mit wenigen knackigen Worten zu formulieren wusste, der der eigenen Partei den Spiegel vorhalten konnte, und der sich den Schneid nicht abkaufen lies. Ich vermisse solche Mitbürger ja bereits, wenn sie aus dem Bundestag ausscheiden, so wie jetzt Herr Lammert, und bedauere es unendlich, dass damit auch ein Stück kultivierter Debatte stirbt und dass dadurch die debatten immer langweiliger und durchschaubarer werden. Es gibt nicht viele Parlamentarier, denen man glaubt was sie sagen, denen man vertraut, eben weil sie nicht bei jedem Sturm umknicken. Ich mag Parlamentarier, die anständig bleiben um jeden Preis, die gegeneinander nicht persönlich und populistisch werden, nur weil sie sich dadurch Aufmerksamkeit versprechen, die authentisch wirken und sind.

Heiner Geißler habe ich aber auch immer mit einer aussterbenden Art von Journalisten verbunden, die sich trauten zu fragen, die unbequem waren, die überraschten, wenn es um Fragen ging, auch um unbequeme. Das ist mir zu selten geworden, und so hatte ich nach dem Interview der Kanzlerkandidaten eigentlich keine Lust mehr, mir weitere politische Arenen anzuschauen, habe es dennoch getan, und wenn ich vergleiche, welche Moderatoren da zuweilen tätig sind, so erkenne ich deutliche Sympathien für bestimmte Parteien, und dann wird selbst bei denen offenbar, die eigentlich auch Kandidaten stellen könnten, welche Parteien sie bevorzugen. Da ist keine Distanz mehr vorhanden, da macht man sich gemein und der Zuschauer verzweifelt.

Die Sender tragen zum Bürgerfrust direkt bei

Besonders negativ fällt mir in diesem Zusammenhang Plasberg von Hart-aber-fair auf, und es wundert mich tatsächlich, dass man der Sendung nicht derweil das Prädikat „Dauerwerbesendung für die Union“ verliehen hat, denn so kommt es bei mir rüber, wenn Plasberg Kandidaten befragt, abwürgt, sie nicht aussprechen lässt, womit ich bei starren Formaten und Programmplanungen bin, die mich deshalb ärgern, weil keine Überziehungen mehr zugelassen sind. Die Sendung hat um Punkt irgendwas beendet zu sein, der Zuschauer hat die Nachrichten zu sehen und danach ab in die Falle. So pünktlich hat es zuzugehen bei den öffentlich rechtlichen, wie beim Sandmännchen für die Jüngsten. Aber wehe, da läuft eine Verdummungsshow mit Bayernpop und einem Nationalsternchen wie Helene Fischer , dann gib ihm, dann wird gnadenlos überzogen. Nö, das ist mir absolut noch nicht, nein gar nicht, aufgefallen.

Mehr Mitbeteiligung, mehr und bessere Befragungen der Regierungsparteien!

Und dann waren da derweil auch noch jene Wahlarenen, die tatsächlich gut moderiert waren, in denen Zuschauer fragen konnten, und so ein Format wünsche ich mit regelmässig einmal im Quartal, denn diese Art von Sendung, die begeistert mich. Allerdings wünsche ich mir solche Befragungen einmal im Quartal übertragen aus dem Bundestag. Da sollte die komplette Bundesregierung samt Ministern anwesend sein müssen, da gehören die Parteiführer aller Parteien in den Bundestag, und zu diesen wenigen Personen, dazu werden aus dem Wahlregister stinknormale Bürger, ich kann mir 50 vorstellen, hinzu gebeten, die von den Parteivorsitzenden betreut werden, und dann dauert diese Befragung so lange, wie eine Befragung der Bundesregierung ansonsten auch dauert, den ganzen Tag nämlich. Die Fragen formulieren dann die Parteivorsitzenden so, wie solche Fragen auszusehen haben, da lernt der Bürger politische Beteiligung, dafür hat der Arbeitgeber einen Urlaubstag zu erteilen, die Teilnahme ist wie bei Schöffengerichten verpflichtend. Diesen einen Tag, den wird man ja wohl zur Verfügung haben, wenn nicht gerade eine Reise oder Hochzeit oder eine Bestattung ansteht. Und dadurch interessiert man dann vielleicht auch vermehrt jüngere Menschen für politische Aufgaben und Mitarbeit in Parteien. Und wenn man es derart gestaltet, dass man zuzüglich Schüler oder Auszubildende ab 16 Jahren einlädt, egal wie, aber ich wünsche mir regelmäßig eine Befragung der Regierung durch Mitbürger ohne Amt, was denn geschafft wurde, auch aus solchen Veranstaltungen am Ende erarbeitete Anträge, ich wünsche mir Mitbeteiligung und keine offensichtlichen Scheingefechte und Darf-Fragen mehr.

Herr Geißler war für seine Partei ein ebenso ungemütlicher Parteigänger wie Herr Lammert, Herr Bosbach und so einige andere, und ich werde jeden dieser Herren vermissen, denn so wünsche ich mir Politiker, so und nicht anders, und ich wünsche mir auch Journalisten, die mehr beißen, sich festbeißen, wenn es in politische Talkrunden geht.

Haltet Zuschauer und Wähler nicht für blöder als sie sind!

Als Zuschauer und mündiger Bürger fühle ich mich sowohl von den Parteien als auch von den öffentlich rechtlichen ver- entschuldigung arscht. Und ich will beschreiben warum. Es wird ununterbrochen in Mottenkisten gegriffen, von allen Seiten und alles mit allem verquickt. Und ich merke sehr wohl, auch in fortgeschrittenem Alter, was Wahltaktik ist, und wer da wem wobei helfen will. Von Talkrunden politischer Art erwarte ich, dass sie nicht die Bosbachs, Geißlers oder Guttenbergs einladen, ich erwarte, dass dort Kandidaten sitzen, die aktiv in ihren Parteien sind, die Ämter innehaben. Minister etwa, die Kanzlerin selber. Und für mich macht es übrigens deshalb auch einen gewaltigen Unterschied, ob ein Herr Bosbach wütend eine Runde verlässt, oder ob das eine Kandidatin tut, die sich um einen Sitz im Bundestag bewirbt. Der eine hat es nicht nötig, sich so einen Wahlhelferzirkus anzutun, die andere schon.

Die Formate sind definitiv bis auf wenige mangelhaft!

Und wenn es um interessante Formate geht, ich schlage eins vor, nennt es: „Von außen gesehen“ und dazu ladet ihr in diese Runde aus jeder Partei je einen ein, der kein Aktiver mehr ist, der kein Amt hat, der im Unruhezustand ist, und diese Damen und Herren lasst ihr dann miteinander über die derzeitige Politik ihrer Parteien kritisch diskutieren. In andere Talkformate hingegen gehören aktive Politiker mit Amt und nicht irgendwelche Stellvertreter. Und schon gar nicht will ich reaktivierte Aktivisten in solchen Runden sehen, es reicht. Wahlhelfer gehen von Tür zu Tür und haben ansonsten aus politischen Debatten in Talkshows raus gehalten zu werden. Und Moderatoren, die massiv zu einer Partei tendieren und bei denen das derart offensichtlich ist, wie bei Plasberg, die will ich auch nicht mehr sehen müssen. Formate, die den Zuschauer bevormunden und die die interessantesten Debatten abwürgen? Vergesst sie! Vergesst sie, solange ihr Shows sendet, die massiv überziehen dürfen, der Zuschauer ist derart erwachsen, dass er selber weiß, wann er ins Bett gehört. Und wenn wir schon bei Schlafenszeiten sind: Gewisse Formate gehören bei öffentlich rechtlichen zur besten Sendezeit ins Programm und nicht erst Stunden später, und wenn man tatsächlich an die „Zuschauergesundheit“ denken will, dann am Freitag- und Samstagabend! Und starre Sendezeiten?

Der Zuschauer ist informierter als ihr ihn haben wollt!

Vergesst sie, der Zuschauer ist online bestens informiert, der benötigt tatsächlich keine Nachrichtensendung wenn es den Sendern am besten passt, der braucht endlich einen Sender vom Schlage CNN mit Journalisten vor Ort, und nicht ein Phoenix vor Ort, das generell abwesend ist über Stunden und weiterhin Storys über irgendwelche historischen Wanderwege sendet. Vor Ort bedeutet vor Ort, und Basta, auch bei Bundestagsdebatten, und nicht ständig zwischen Parlamentsfernsehen und Phoenix wechseln zu müssen, wenn es dem Sender passt. Ach und ja, ich vermisse bei uns noch Gebärdendolmetscher im Bundestag, wie es anderswo gehandhabt wird und überhaupt in Nachrichtensendungen. Das gehört nämlich auch zur Inklusion, wie es das Wahlrecht gehören würde, das noch immer viel zu vielen Menschen bei uns verweigert wird, weil sie eben nicht so aktiv am täglichen Leben teilhaben können, wie wir anderen, die wir so ausschauen und handeln, wie es auch der Werbeindustrie und vielen Unternehmen am besten gefällt. Da erwarte ich Handeln von Seiten der Bundesregierung und zwar hurtig! Und deutliche Worte, wozu auch immer nötig und Standpunkte, die erwarte ich übrigens auch zwischen Wahlgängen und nicht als Beruhigungspillen im Wahlkampf und nachher war alles nur Taktik …

Für mich gehört es übrigens auch dazu, wieder viel mehr Wert auf Gewissensentscheidungen zu legen, denn nichts anderem hat ein Abgeordneter sich zu unterwerfen, schon gar nicht Vorgaben seiner Partei und Koalitionszwängen, denn das Gewissen macht den Menschen aus und alleine dem soll er verpflichtet sein, niemandem sonst! Weshalb ich erwarte, dass alle Abstimmungen frei gegeben werden. Und ich kann Menschen wie Pofalla schlich nicht ertragen, die das nicht akzeptieren. Denn für mich steht fest, auch der Herr ist für den heutigen Populismus und seine Auswirkungen mit verantwortlich, da hatte er seinen Ursprung, da ging der Anstand gegeneinander verloren, da war ein wichtiger Wendepunkt, da hat die Partei Bosbachs völlig versagt. Da hätte massiv auf Gewissenfreiheit gewirkt, diese verteidigt werden müssen, hätte es sonstwas gekostet!

Herr Geißler, ich werde sie vermissen, denn es stirbt erneut ein Stück unserer Kultur, denn der einzelne Mensch in seinem Handeln ist und macht Kultur durch seine Einzigartigkeit, man kann sie nicht vorschreiben und erzwingen schon gleich gar nicht. Kultur besteht und entsteht durch Unterschiede und Vielfalt, durch Anderssein, nicht durch Gleichschritt und Gleichmacherei, Meinungsgleichheit. Mögen wir uns diese Vielfalt auch in den Parteien erhalten, von der sie ein Teil waren …

©denise-a. langner-urso

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