Sonderparteitag: Die SPD hat ein psychologisch begründetes Problem

 

Ich habe lange überlegen müssen, was mich an der SPD stört, denn es ist nicht alleine das jetzt beschlossene Programm, denn das grenzt sich ja in diversen Punkten von anderen Programmen ab. Seit diesem Parteitag aber weiß ich, worin für mich das Problem liegt, warum die Partei zwar kurzfristig in Wahlumfragen gewinnt, dann aber auch sehr schnell wieder an Zustimmung verliert.

Ich habe da einige Punkte gefunden, die ich aufzählen möchte. Zuerst ist da das Prinzip: an Verträge hat man sich zu halten, sprich: Augen zu und durch, koste es was es wolle, aber man hat auf Biegen und Brechen an einer Koalition festzuhalten, koste es, was es wolle. Aber was für Kaufleute gilt, das muss in der Politik noch lange nicht gelten.

Erwähnen will ich da nur das, was wir unter Menschenrechten verstehen, und wo schon länger der Bürger diese viel eher hochhält, als die Politik. Das beginnt schon beim kritischen Konsumenten, der sehr oft Waren und Ketten boykottiert, wenn irgendwo in einer Herstellungskette Menschenrechte verletzt werden. Der Bürger hat das Problem verstanden und ist viel eher Vorbild, als die, die sie regieren.

Dabei sollte die Politik, der Politiker Vorbild sein, vorbildlich handeln. Die SPD spricht zwar stets von Linien, die nicht zu überschreiten sind, handelt dann aber doch nicht, und der Wähler hat dann den Eindruck: Wasser predigen aber Wein trinken, da klebt jemand am Stuhl, hat Angst um Posten.

Was bei der Union nicht zu Problemen führt, dieses im Zweifel eher doch für Wachstum und Wirtschaft, das hingegen nehmen Wähler der SPD übel, denn bis Schröder hat die Partei anders gehandelt, Schröder hat das Prinzip der Union übernommen und das haben die Wähler nicht vergessen, zumal wann immer es um ähnliche Fragen geht, die SPD eben nicht beweist, dass sie das wieder ändern, und tatsächlich mehr für ihre eigentliche Klientel, denn für Unternehmen tun will. Sie hält sich stets an den Grundsatz, an Verträge habe man sich zu halten, koste es was es wolle. Und das kann der Wähler nicht verstehen, der ja selber ganz anders handelt, wenn es um Unternehmen und deren Verletzungen von Grundrechten geht.

Derweil verlieren auch Gewerkschaften an Zustimmung und Mitglieder, weil auch in diesem Bereich der Wähler nicht mehr sieht, wer denn eigentlich wen und warum vertritt. Hinzu kommen Debatten um Zukunft und Altersvorsorge, und es ist nicht gerade so, dass die Menschen sich nicht informieren, im Gegenteil.

Da wird dann das jetzt vorgelegte Rentenkonzept von Frau Nahles schlicht und einfach zur Lachnummer, weil die Menschen sich völlig berechtigt fragen, wozu es eigentlich die EU gibt, wem diese dienen soll, wenn nicht das beste aller Staaten den Menschen zur Verfügung gestellt wird, sondern weshalb bis heute jeder irgendwie nur an Vorzüge dann denkt, wenn es um Subventionen für die eigenen Unternehmen wie bei uns die Landwirtschaft geht, und warum ausgerechnet eine Partei wie die SPD so wenig lernfähig ist, ihr Programm daran auszurichten, speziell mit einem Schulz an der Spitze, was tatsächlich sinnvoll wäre.

Da erfindet man in Deutschland generell lieber das Rad neu, statt zu schauen, wie Staat A bei niedrigeren Kosten eine bessere Gesundheitsvorsorge und Land B eben eine bessere Altersvorsorge ermöglicht. Wie gesagt, diese Partei hat ja einen Spitzenkandidaten, der Europa besser kennt als jeder andere, der seine Partei dazu anhalten könnte, sich anderweitig beraten zu lassen, nach anderswo zu schauen, und genau das passiert nicht, stattdessen geht man noch immer lieber auf die Argumente der Wirtschaft ein, wie schädlich gewisse Dinge wären, für Land, Leute, Wachstum und überhaupt.

Als letztes erwähnt sein soll der Kandidat der Partei: Schulz. Und ich möchte jetzt nicht missverstanden werden, wenn ich ein Problem des Kandidaten anspreche. Es geht mir nämlich nicht darum den Kandidaten herabzuwürdigen, denn man spricht eigentlich nicht über Aussehen, Kleidung und Co, und damit macht man auch keinen Wahlkampf. Und doch, es gibt ein Problem, und das bezieht sich nicht auf Äußerlichkeiten, das Problem geht tiefer, denn es wirkt psychologisch, unbewusst also, wenn man sich damit nicht näher befasst.

Bisher kennen die Wähler Schulz ja eher aus der EU, nicht durch Reden, weshalb er quasi als Neuling erscheint, die Wähler sind an den Kandidaten nicht gewöhnt, nicht an sein verhalten, denn wer verfolgt schon EU Debatten und die damit verbundenen Reden? Allenfalls jene, die hin und wieder im Bundestag reden, die man in Talkrunden sieht, die man im Wahlkampf trifft, deren Auftreten kennt man, daran ist der Wähler gewöhnt, damit ist er vertraut, auch mit den Stärken und Schwächen dieser Kandidaten.

Und plötzlich hört man jetzt Martin Schulz sprechen, und wer ihn nicht kennt, der reagiert unwillkürlich auf das Wegbrechen der Stimme des Kandidaten, das sich so anhört, als bräche der Kandidat gleich in Tränen aus. Psychologisch passiert da unbewusst eins: Man nimmt Schwäche wahr, und das bei einem Mann.

Und dagegen, gegen solche Abläufe, gegen die man sich normalerweise nicht wehren kann, wenn man sie nicht kennt, kann man sich nicht wehren, weil das normalen Wählern eben nicht bewusst ist. Das nehmen nur Menschen wahr, die sich etwas mit der psychologischen Wirkung von Verhalten, Aussehen und Co befasst haben. Und ich glaube, das ist fatal für den Kandidaten selber und somit für die Partei. Und da liegt das eigentliche Problem, in der psychologischen, in der unbewussten Wahrnehmung. Und dagegen anzukämpfen, das dürfte das größte Problem des Kandidaten werden.

Und nochmals zum Programm: oft übernehmen die Medien die Suche nach Lösungen, und spätestens dann, wenn es wie bei der Altersvorsorge läuft, sollte eine Partei wie die SPD aufwachen und prüfen, welche Experten sie hinzuzieht. Denn offensichtlich wurden die falschen Experten gehört, war man, als es um Betriebsrenten ging, betriebsblind.

Spätestens für das Programm zur Bundestagswahl hätte man sich einmal jene Experten anhören können, wie eben Unternehmer, die es anders machen, wie Staaten, die es anders machen. An diesem Wochenende wurde die Chance vertan, Fehler zuzugeben, diese im Programm auszubügeln. Ich stelle den Beitrag hierzu nochmals ein, weil ich der festen Überzeugung bin: Glaubwürdigkeit, oder wenn man sie wiedergewinnen will, geht anders. Schade eigentlich.

©denise-a. langner-urso