Das Gewohnheitstier

Das Leben büßt an Abwechslung und Kreativität ein, wenn ich mich allzu sehr in meinen Gewohnheiten aufhalte, gar einbunkere. Meistens unbewusst, schon verselbständigt. Gewohnheiten machen blind für Abwechslung und Gestaltung bzw. positiven Änderungen und somit ärmer im Leben und der Art zu leben.

Gewohnheiten verleiten zu ungesunder Bequemlichkeit, etwa wenn ich es gewohnt bin, dass mir die Morgenzeitung zum frühen Kaffee gebracht und die Semmeln geschmiert werden. Das Gewohnheitstier kommt nicht als solches auf die Welt, es entwickelt sich und ist im Alter so stark ausgeprägt, dass die Gewohnheit Neues oft gar nicht mehr zulässt, sogar misstrauisch strikt ablehnt, wenn sich die Gelegenheit einer Erneuerung oder vernünftigen Veränderung anbietet.

Der in seiner Gewohnheit verknöcherte Knabe, lehnt es starrköpfig ab, in ein Altenheim zu gehen, obwohl er seit dem Tod seiner Frau umständlich weiter lebt, oft vegetiert, weil sich nur unzureichend um ihn gekümmert werden kann.

Um vernünftige, notwendige Veränderungen einsehen und annehmen zu können, bedarf es schon einer frühzeitigen Auseinandersetzung mit solcher Problematik. Aufgeschlossenheit darf nicht verloren gehen, nicht aus Bequemlichkeit und nicht des eintönigen Trott des Alltags wegen.

Gewohnheiten können verzögern bis es zu spät ist, dringend notwendig gewordenen Maßnahmen noch durchführen zu können. Das macht sich ganz gravierend, wie gesagt, in Situationen des Alters deutlich.

Der sieche und in Motorik eingeschränkte alte Mensch hat versäumt, einsichtig und rechtzeitig das dem Alter mit den Begleiterscheinungen der Gebrechlichkeit entsprechende Umfeld zu ändern.

Energisch wird der Einzug in ein bequemes Seniorenheim verweigert, obwohl vielleicht die finanzielle Lage es erlauben würde. Das sind die ernsten Auswirkungen der Gewohnheit, die das Alter unerträglich machen.

Die kleineren unangenehmen Begleiterscheinungen der Gewohnheiten im eintönigen Alltag, sind zahlreich, nicht sonderlich wichtig, doch oft sehr störend. Sie können peinlich werden, wenn man sich, möglichst in Gesellschaft, ständig am Kopf kratzt, ohne Läuse zu haben, oder gar noch in der Nase bohrt.

Damit ist nicht das handfeste Bohren gemeint, wo der Finger in der Röhre verschwindet, das macht man dann heimlich wenn´s keiner sieht, sondern das Anfassen des Nasenflügels, zwischen Daumen und Zeigefinger, weil man sich dem Gegenüber mitteilen will, die rechten Worte nicht findet bzw. den Gesprächsfaden verloren hat.

Komplex-Räuspern ohne Verschleimung gehört auch zu dieser Kategorie und kann ganz schön nerven, z.B. wenn man im Wartezimmer beim Arzt einen solchen Nachbarn neben sich sitzen hat. Am meisten verbreitet dürfte da „ähäm“ beim Sprechen sein oder das um Zustimmung flehende „ja“ nach jedem Satz.

Diese unbewusst ablaufenden Gewohnheiten fallen dem Sprechenden gar nicht mehr auf, doch wohl dem Zuhörer, der gute Rhetorik zu schätzen weiß. Er muss es ertragen.

Das haben wir doch immer so gemacht, schon Oma und Mama, warum solls denn nun anders gehen. Das bin ich so gewöhnt und möchte es nicht anders. Das kann ich nicht, weil wir das immer schon so gemacht haben. – Wer kennt diese Ausflüchte nicht?

Na schön, Bewährtes, was nicht besser gemacht werden kann, soll man auch nicht einer Mode wegen unbedingt ändern, doch meistens ist es so schön bequem, wenn ich ohne groß nachdenken zu müssen, Dinge erledige, überwiegend alltägliche, die ich schon seit Jahr und Tag so mache, die mir gar nicht mehr auffallen, gar Antrieb geben würden, über eine Verbesserung nach zudenken, so gut diese eventuell wäre und obgleich diese Vorteile garantieren würde.

Um aus diesem, einem selbst oft nicht mehr bewussten Trott aus zubrechen, muss einen womöglich erst jemand aufmerksam machen. Wer aber traut sich das, eventuell gar dem Vorgesetzten oder einer älteren Person gegenüber?

Einem Freund sollte für solche Ehrlichkeit gedankt werden. Ist man auf ein solches Verhalten glücklicherweise aufmerksam gemacht worden, kann es einen auch zur Veränderung größerer Dinge anregen.

Es muss ja nicht gleich das Auswandern oder Bungeespringen sein. Mit Beseitigung kleiner Missgewohnheiten kann man beginnen und sich zu Heldentaten steigern. Extremvorschlag dazu:

Das Rauchen aufgeben und mit dafür Joggen beginnen. Man kann sich aber auch einen Hund zulegen und mindestens zweimal täglich mit ihm Gassi gehen. Der Karo würde für die Einhaltung der Disziplin schon sorgen, die Beweglichkeit würde zu und die Fettwülste abnehmen.

Ein anderes Beispiel aus eigener Erfahrung will ich aufzeichnen. Ich habe mir einmal meine übervolle Wohnung bewusst angesehen, dann auf Millimeterpapier den Grundriss aller Räume im Maßstab 1: 20 eingezeichnet, die Möbel und Gegenstände, die mir wichtig oder ständig in Gebrauch waren, im Grundriss und gleichen Maßstab aufgemalt und ausgeschnitten. Dann begann ich auf dem Papier Möbel zu rücken und einzurichten.

Im Endergebnis hatte ich nach eine Woche eine komplett neu, bzw. anders eingerichtete Wohnung, von lästigem Überfluss und unnützen Gegenständen befreit, die sich nur aus purer Gewohnheit hier befunden hatten. Das war ein gutes Gefühl, es hat mich zur Erkenntnis gebracht, dumme Gewohnheiten aufzugeben und Ungewohntes zu versuchen. Und das klappt, – manchmal!

 

©h.boxxan

 

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