Die Alten – die Tante-Emma-Läden – die verlorene Zeit

©Jörg Kleinschmidt / pixelio.de

Ein heute, über 70-Jähriger erinnert sich:
Die Tante-Emma-Läden. Sie waren fast gänzlich verschwunden. Sogar auf dem Land in den kleinsten Dörfern konnte sie ihre Existenz nicht mehr behaupten. Sie gingen schlichtweg ein, weil der große Supermarkt, aus dem Boden gestampft, im Industriegebiet zwischen den Dörfern, um vieles preiswerter war. Die Zeit, wo es den kleinen Bäckerladen, den Kolonialwarenladen und den Dorfmetzger gab, ist schon lange Vergangenheit, der heutigen Generation nicht einmal mehr im Bewusstsein. Im Konsum “Volkwein“ konnte man von der Stecknadel bis hin zum Kilo Mehl, lose aus dem großen Sack und abgewogen in die braunen Spitztüte, quasi alles erwerben, was man für das damals noch recht einfache, stressfreiere Leben benötigte.

Da gab es noch die tierquälerischen Fliegenfänger, die man klebrig lang ausziehen und an die Decke hängen konnte. Die stinkenden Stalaktiten waren in wenigen Tagen überseht mit Fliegenleichen und die vom stinkenden Aasgeruch angelockten Neuankömmlinge blieben an der heimtückischen Schmiere kleben, zappelten sich erbärmlich summend in den Tod. Es machte uns nichts aus, es war normal, heute undenkbar. Es gab jede Menge Fliegen, weil es noch jede Menge Misthaufen vor den Bauernhöfen gab. Die Schwalben, auch sie gab es noch reichlich, hatten somit viel Futter und ihre Nester klebten unter den Dachrinnen an der Hauswand. Unter ihnen war der Gehsteig weiß verschissen. Auch das störte niemanden. Die Schwalben waren Glücksbringer, abergläubisch, dennoch wahr, weil sie uns erfreuten.

Zwölf Lenze zählte ich damals. Kannte nur das abgeschiedene kleine Dorf im tiefsten Nordhessen. In großen Intervallen bekam ich auch mal die Stadt Kassel zu sehen. Das war dann ein besonderes Erlebnis und der Anlass meistens die Anschaffung eines Gegenstandes, den es bei Tante Emma nicht gab, wie zum Beispiel eine neue Hose, weil die alte zu viel Hochwasser meldete und am Hintern reichlich abgewetzt war. Man gelangte zu dieser, Dorfbuben Respekt einflößenden Großstadt, mit dem Postbus, der in aller Herrgottsfrühe beladen mit Arbeitern in Richtung Kassel fuhr, denn auf dem vergessenen Land gab es keine Arbeit, nur Bauern und von denen hielten sich höchsten die großen einen Knecht. Es gab zwei davon, in dem Nest, und einen alten Lanztraktor. Man fuhr nicht direkt nach Kassel, das wäre unrentabel gewesen, so ging es im großen Kreis über 15 Dörfer und las überall Fahrgäste auf. Ein “Dolmosch“-Vorläufer. Abends spät ging es die gleiche Tour rückwärts. Die müde eingeschlafenen Arbeiter wurden vom Chauffeur im jeweiligen Dorf geweckt. Er kannte jeden. Ein Service von dem man nur nostalgisch schmunzelnd träumen kann.

Verdient wurde nur sehr wenig, dafür sehr emsig gearbeitet, wie sonst wäre ein Wirtschaftswunder zustande gekommen. Telefon besaßen nur der Bürgermeister und der Arzt. Es gab sogar einen in unserem Dorf, er war die größte Pfeife, doch kamen alle aus den umliegenden Dörfern zu diesem Quacksalber. Es gab eben weit und breit keinen anderen. Die Alternative wäre Kassel gewesen, doch keiner der Bauersleute nahm die Strapaze eine Tagesreise auf sich. Da blieb man doch lieber gesund, egal wie krank man war oder konsultierte die dicke vor Fett schnaufende Pfeife, die Aspirin verschrieb und Wickel verordnete. Dieser Wunderheiler besaß sogar einen VW-Käfer und war sehr respektiert.

Ich sinnierte heute über die vergangene Zeit weil mich ein Tischnachbar dazu angeregt hatte. Nach einem Arztbesuch saß ich indem kleinen Kaffee und lauschte dem Geplauder zweier alten Herren, die in meinem alter waren. Beide labten sich an einem kleinen Fläschchen Bier und trauerten der Zeit nach, wo das Glas, frisch gezapfte Bier, noch für 35 Pfennige zu haben war. Das Minifläschchen, zu Zweieuro und zwanzig, das sie sich von ihrer Schmalspurente leisteten, konnten die beiden nicht verstehen, zumal es ihnen auch nicht so gut wie da Bierchens von früher zu 35 Pfennig schmeckte.

Ja, ja ,- früher war alles anders…

 

©h.boxxan

 

 

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