Europa – Wie man Heimat und einen Kontinent zerstört

 

Ich frage mich immer öfter, warum ich innerhalb Europas nicht mehr gerne reise, und ich frage mich gleichzeitig, warum die Menschen immer weiter weg reisen. Und ich glaube, für mich habe ich eine Antwort gefunden, und ich denke, die Menschen, die immer weiter reisen, sie suchen etwas, was längst verlorengegangen ist, was immer mehr zerstört wird, die Menschen suchen Heimat und Identität, die sie hier in Europa nicht mehr finden, und immer seltener finden sie sie auch beim Reisen, denn man kann nicht wie früher nach Hause und in die Heimat zurückkehren. Zumindest für meine Altersgruppe, die wir über 50 sind, dürfte das zutreffen. Unsere Kinder, speziell die, die kurz vor dem Fall der Mauer geboren sind, die mögen das anders sehen, wenn aber demnächst das TTIP Europa und die USA verbindet, dann werden auch sie demnächt heimatlos sein. Mit den Grenzen die innerhalb Europas fielen und mit dem Euro wurde Europa gleich gemacht, das einzige, was uns unterscheidet, das ist alleine Sprache.

Europa – Mit Geld zubetoniert

Ich kenne Europa noch anders, ohne die immer gleichen Betonwüsten, teilweise ohne Autobahnen quer durch Europa, kenne Spanien, Italien, Frankreich und viele viele andere Staaten noch anders. Von Calpe bis Benidorm konnte man am Strand entlang spazieren, bis Sprengladungen ganze Siedlunden und Häfen in die Landschaft bombten, der Ausverkauf der Küste begann. Ich habe zwischen beiden Städten schwarze und weiße Skorpione und Taranteln gefangen. Und ich habe erlebt, wie mit den Autobahnen ganze Landstriche verschandelt wurden, in Spanien, Italien und Frankreich und Städte wuchsen, die überall gleich hässlich sind. Ich habe erlebt, wie Aldi und Lidl nachzogen, wie gutes Essen durch Tiefkühltruhen ersetzt wurde, wie unglaubliche Landschaften zwischen Berlin und Alicante, zwischen Berlin und Sizilien zugemauert und mit Gewächshäusern verschandelt wurden.

Europäischer Sozialismus

Ich habe erlebt, wie mit dem Wandel und immer rasanter mit dem Euro die Menschen sich veränderten, wie in Hauseingängen immer schneller Afrika begann auf Pappkartons zu nächtigen, neben Hoteleingängen bittere Armut. Mit dem Euro ging das Lächeln, wuchsen seelenlose Betonschluchten, verschwand das Lächeln. Und ich will nicht mehr reisen, nicht um alles in der Welt, denn Europa sieht in Berlin nicht anders aus als in Paris, Madrid oder Rom, schmeckt nicht anders. Europa ist Aldi geworden, nicht einmal die Münzen, die Erinnerung an Urlaub gewährten, sind geblieben.

Europa verburgert

Europa ist bis auf die noch unterschiedlichen Sprachen überall gleich, und für Bauwerke wie etwa den Eifelturm muss ich nicht reisen, wenn neben diesem Aldi, KiK McDonalds und Burger King den einzigen Unterschied machen, die selben Läden auf Kunden warten wie daheim. Wenn irgendetwas Sozialismus und Gleichmacherei bedeutet, dann Europa. Kapitalismus führt zu Heimatlosigkeit und Sozialismus, auch wenn kein Politiker das je zugeben würde. Und nach Hause fahren oder heimkommen, auch das gibt es so nicht mehr, denn das Gesicht der Städte und ihre Armut und zunehmende Verwahrlosung, die Zerstörung der Landschaften, auch sie sind überall gleich.

Menschen auf der Suche nach Heimat und Identität

Vielleicht reisen andere Menschen deshalb so gerne immer weiter weg, doch auch dort findet sich immer seltener Unterschiedlichkeit, außer in Gebäuden und Sprachen. Kultur aber besteht auch dort nur noch im Geldbeutel, denn mit den Reisenden zogen Aldi und Co gleich mit. Alleine die Flugzeit entscheidet heute noch über das Gefühl fern der Heimat zu sein, nach Hause kommen zu können, allenfalls. Und ja, vielleicht das Gefühl, etwas mehr Sicherheit vor Terror zu finden, vor immer näher rückenden Kriegen.

Es lebe die Gleichmacherei

Und mit dem TTIP wird die Gleichheit noch einmal mehr angepasst werden, werden die letzten vorhandenen Unterschiede zwischen den USA und Europa aus dem Weg geräumt werden, wird weiter ein Stück Heimat auf beiden Kontinenten beseitigt werden, das Heimatgefühl weiter ausradiert werden. Und das soll alles sein? Konsum und Gleichheit von Städten gegen Lachen, Zufriedenheit, Heimatgefühl und kulturelle Unterschiede eingetauscht?

Und wenn irgendwann alles gleich sein wird, wohin reisen wir dann, und wohin fahren wir dann nach Hause, was ist dann Heimat? Die Welt?

Der kapitalistische Sozialismus

Urlaub ist zur Flucht geworden, zur Suche, doch Heimat, in die man zurückkehren kann, wo ist die? Und wo sind die kulturellen Unterschiede dann noch? Nur in der ursprünglichen Sprache? Ganz ehrlich, dann bleibe ich lieber daheim und genieße das letzte Stück Heimat, dass noch nicht zerstört ist, die Muttersprache. Denn einen Aldi gegen einen einzutauschen, der einfach auf einer einst schönen demnächst zubetonierten Tropeninsel steht, das brauche ich sicher nicht, dann kann ich auch bleiben wo ich bin, wenn das alles ist, was mir im kapitalistischen Sozialismus gelassen wird.

Bleibt nur eine Frage: warum wollen so viele Staaten europäisiert, gleichgemacht und gleich geschaltet werden, sich die Menschen ihrer Heimat, Kultur und Lebensweise freiwillig berauben lassen. Für McDonalds und Aldi, bezahlt mit gleicher Münze? Denn nichts anderes werden sie bekommen. Aus Schaden wird man klug, und Erfahrungen muss leider jeder selber machen. Schade, denn wenn sie aufwachen, dann ist es zu spät, dann sind die Kultur, der Geschmack und die Gerüche der Heimat verloren.

Das Goldene Kalb muss weiter wachsen – Schade

Aber wir wollen ja alle Europäer und irgendwann „Weltmenschen“ sein. Wirklich? Wollen wir das? Hat man uns je danach gefragt? Oder will das nicht viel eher ein kleinster Teil von Menschen, 0,1% vielleicht, dessen Goldenes Kalb noch immer nicht groß genug ist?

Ich jedenfalls habe nicht vor, das Wachstum dieses Kalbes über die Maßen zu befördern und anderen den letzten Rest ihrer Heimat auch noch zu zerstören, die ohnehin weltweit auch nur noch marginal vorhanden ist. Ich genieße dafür das letzte Stück Restheimat, das mir geblieben ist, die Sprache und bleibe daheim. Und jetzt, liebe Politik, marsch, marsch, weiter europäisieren oder amerikanisieren und gleich machen, betonieren, Kalb füttern bitte, denn um nichts anderes geht es. Entschuldigt nur, dass ich das nicht ertrage, mittrage, es nicht in meinem Namen passiert.

Und noch ist Hoffnung, dass das Goldene Kalb nicht das letzte Wort behält …

©denise-a. langner-urso

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