Revolution – Was der „Westen“ aus der Wende nicht gelernt hat

Die Wende, also die Wiedervereinigung Deutschlands war ein unglaublicher Glücksfall. Warum aber ist zu dieser Zeit gelungen, was heute nicht nur in der Ukraine sondern auch in so vielen anderen Staaten von Syrien bis nach Ägypten scheitert?

Ich denke, die Erklärung ist einfacher, als man glaubt, es gab ein Volk, dass sich einig war, das nicht aus vielen unterschiedlichen Gruppen religiöser Art bestand, es gab keine wirklich wichtigen Interessen an diesem Landstück, weder wirtschaftlicher noch zu dieser Zeit strategischer Art, man mischte sich nicht ein.

Das Land war quasi „wirtschaftlich“ ausgeblutet, die Führung massiv geschwächt. Niemand mischte sich offensichtlich von außen ein, trug irgendwelche Interessen deutlich sichtbar vor sich her. Es war eine Revolution Volk gegen Staat, derweil sehr wohl im Hintergrund diplomatische Abläufe verhandelt wurden, mit heutigen EU-Partnern, alten Kriegsgegnern und Russland. Der finanzielle Aufwand das Land zu verteidigen, er muss zu dieser Zeit alles überstiegen haben, was es wirtschaftlich und strategisch zu gewinnen gab, hinzu kam eine unglaubliche Weit- und Voraussicht auf völlig andere, neue Beziehungsgeflechte.

Die USA hielten sich zurück, doch vermutlich wäre auch hier die Revolution gescheitert, wären an der damaligen innerdeutschen Grenze US Truppen aufmarschiert oder in anderen angrenzenden Gebieten wäre dies geschehen. Russland hätte sein Gesicht vermutlich dann auch nur wahren können, hätte es darauf reagiert. Genau das aber passierte nicht, genau deshalb, wegen der fehlenden offensichtlichen Unterstützung einer Seite, passierte das, was schließlich zur totalen Grenzöffnung und Wiedervereinigung führte, denn die eigene Regierung war durch ausbleibende Hilfe von Russland heillos überfordert, in die Enge getrieben. Nur dadurch ist auch der Fauxpas am Abend des Mauerfalls zu begründen. Die Befehlskette funktionierte durch völlige Kopflosigkeit nicht mehr so wie gewohnt. An den Grenzen derweil stand der Soldat, der Polizist, völlig allein gelassen nur mit seinem Gewissen vor 10.000 protestierenden Menschen.

Diese Wende gelang. Viele andere aber waren zum Scheitern verurteilt, weil man entweder mehrere Aussenpartner hatte, die Interessen ankündigten oder, weil sich unerwartet eine dritte Kraft im Innern bildete, die eigene Interessen deutlich machte.

Wir sehen das in der Ukraine, bei den „Aufständlern“, die ursprünglich Unabhängigkeit von beiden Seiten, der Ukraine und Russland wollten, schnell aber merkten, dass sie zumindest eine der beiden Akteure als Unterstützung benötigen würden, wobei genau dieser Partner wieder völlig andere Interessen verfolgt, als die „Rebellen“, nämlich wirtschaftlich-strategische. Und dass es niemals zur Unabhängigkeit von a und b reichen wird, das wurde den „Aufständlern“ erst viel zu spät klar. Wurde erst an dem Tag des Flugzeugabschusses offensichtlich. Plötzlich hing man zwischen allen Stühlen, die Unterstützung lief ab sofort anders als gedacht.

Ähnlich zum Scheitern verurteilt waren auch die vielen anderen Revolutionen im Nahen Osten, einfach, weil in „Vielreligionsgemeinschaften“ zu viele Strömungen vorhanden waren, die sich gegenseitig bekämpften und die Unterstützer in allen Himmelsrichtungen der Welt fanden, denen an der Machtübernahme der jeweils unterstützten Interessengruppen aus entweder strategischen, wirtschaftlichen, oft auch religiösen Interessen gelegen war.

Und sobald einer der Akteure seine Maske fallen lies, war zum Scheitern verurteilt, was durch ein eigentlich kurz zuvor noch sich einiges Volk ausgelöst worden war. Da fragt man sich doch, ob gewisse Akteure wirklich am Wohl der Menschen, an Freiheit dieser und an funktionierenden Gesellschaften, die friedlich miteinander leben interessiert sind, oder ob nicht Gier Hirn frisst, weil Frieden und Wiederaufbau eben doch wirtschaftlich und strategisch wesentlich anstrengender und teurer wird als Krieg. Und weil es eben wesentlich eniger Bemühungen bedarf, zudem lukrativer ist, mehr Feinde als Freunde zu haben, weil das, was einst mühsam auf Böden erwirtschaftet wurde, längst an den Börsen der Welt in Minuten zu holen ist und sich misst an Exporten, die sich radikal erhöhen und dorthin Produkte sich verteuern, wo Kriege toben. Und so macht jede Revolution, die im Chaos endet, Hoffnung auf stetig steigende Gewinne und die Flüchtlinge und Menschenrechte sind allenfalls lästige Abfallprodukte, um die man sich gezwungener Maßen den Kopf zerbrechen muß.

Und wenn der Westen aus schierem Egoismus Zusammenhänge nicht erkennen will, wenn er gewisse Diktatoren ala Putin oder Assad und wie sie ticken, nicht hinterfragen will, und wenn es ihm egal ist, wer da zuzüglich welche Eigeninteressen verfolgt, sofern er halbwegs „westlich“ orientiert ist, so trägt er doch zumindest eine moralische Mitschuld an den in so vielen Regionen Verletzten, Toten und Vertriebenen. Auch in der Ukraine, auch am Unglück der abgeschossenen Passagiermaschine und am entwürdigenden Umgang mit den dortig Gestorbenen und ihren Hinterbliebenen.

©denise-a. langner-urso

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