Deutschland – Wenn Ismem das Miteinander zerstören

 

Derweil befassen wir uns mit Ismen, als hätten wir keine anderen Probleme mehr, als seien Klimawandel, Insektensterben, Umweltprobleme und selbst die Bildung einer Regierung die schönste Nebensache der Welt. Ein Zeichen dafür, dass es uns, besser einigen Herrschaften im Land, tatsächlich zu gut geht, und all jenen mit ihnen, die vor der schwere ihrer Geldbörsen nicht mehr geradeaus gehen können. Und ginge es uns allen gleichermaßen gut, hätten wir dafür neben Familie und Arbeit Zeit, so würden wir dies vielleicht auch ständig tun, haben wir aber nicht, im Gegenteil, wir sind verunsichert und trauen uns kaum noch miteinander zu kommunizieren, und normal zu benehmen, weil man ja schließlich vor lauter Ismen derweil kaum noch weiß, ob nicht hinter einem einer oder eine geht, die oder der umgehend Rassismus oder Sexismus schreit und einen schief anguckt. Sorry, aber das ist definitiv nicht meine Vorstellung von einem Land in dem man gut und gerne lebt, und ich frage mich, woher gewisse Leute die Zeit nehmen, um neben all dem, was tatsächlich überlebenswichtig wäre für die Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten und hier bei uns, zu diskutieren. Ich jedenfalls habe sie nicht, viele andere Mitmenschen auch nicht, und irgendwie scheinen gewisse Tätigkeiten Tagesabläufe nicht auszufüllen. Verstehen sie nicht? Ich schon, denn Beispiele gibt es im täglichen Leben genug. Und eins will ich hier bringen.

Da bestellst du dir also einen stinknormalen Elektriker ins Haus, wobei es derweil ohnehin nicht leicht ist, in absehbarer Zeit bei so jemandem einen Termin zu bekommen, und dabei kann eigentlich doch gar nichts schief gehen, da bist du dir sicher, und doch, es klingelt, und kurze Zeit später bist du schon völlig verunsichert, mal wieder, weil du vor lauter Ismen und Dingen, die sich plötzlich nicht mehr gehören, eventuell gewaltig ins Fettnäpfchen getreten bist. Du willst ja schließlich alles in der Kommunikation richtig machen, und doch kann unter stinknormalen Menschen Kommunikation nicht funktionieren, wenn jeder nur noch darauf achtet, um Gottes Willen keinen Fehler im Umgang mit dem Gegenüber zu machen.

Endlich ist der Tag da, an dem also der bestellte Handwerker vor der Tür steht. Du öffnest also auf das Klingeln, man begrüßt sich freundlich, wozu der Handschlag gehört, denn den darf man ja noch machen, und dein Auftragnehmer stöhnt über den Verkehr und die lange Anreise von fast anderthalb Stunden quer durch die verstopfte Stadt nach dem gestrigen Sturm. In dem Augenblick geht alles schief, denn du fragst völlig unbedarft: „woher kommen Sie denn“ und meinst, wo das Unternehmen seinen Sitz hat, und wo also der Startpunkt der Anfahrt des gegenüber war. Und als Antwort kommt: Aus Marokko.

Klasse, ganz großes Kino, jetzt fällt dir auf, dir steht jemand gegenüber, der eine andere Hautfarbe hat, jetzt läufst du rot an und bis voll ins Fettnäpfchen getreten. In dem Augenblick denkst du nur noch: „Hoffentlich hält der dich jetzt nicht für rassistisch“ das wolltest du überhaupt nicht wissen, und in diesem Augenblick ist dein Tag schon gelaufen, zumindest, wenn du mitdenkst. Und damit endet es nicht, es kommt später noch schlimmer, als du bist beim Einkaufen bist und ein netter jüngerer Herr dir freundlicher Weise die Tür aufhält, weil du die Hände voll hast.

„Hilfe“, denkst du, ist der jetzt sexistisch, weiß der nicht, dass Frau die Tür auch irgendwie alleine aufmachen könnte, und dir fällt wieder ein, was du vorher erlebt hast, als du selber nur höflich sein wolltest. Ich zumindest bin derweil ständig verunsichert, und vielleicht sind es ja genau solche kleinen täglichen Vorfälle, die die Menschen überfordern, denn was jetzt in welcher Situation richtig ist, vielleicht ist es ja doch am besten, gar nicht mehr zu reden, das weiß derweil der Teufel, ich jedenfalls nicht, und ich kann mir vorstellen, viele meiner Mitmenschen sehen das ähnlich.

Derweil sind die Medien überladen mit Rassismus- und Sexismusdebatten, man weiß nicht, wie man mit anderen Geschlechtern sprechen soll, ob man GeIxe in seinen Wortschaft einbauen und wie man Sternchen verbalisieren soll, und selbst von einer Durchreise durch das Nachbarland Österreich nimmt man derweil lieber Abstand, weil man ja nie weiß, ob es vielleicht nicht bereits als Verschleierung gilt, wenn einem zu lange Haarsträhnen ins Gesicht fallen, derweil man in der Handtasche nach Ausweispapieren oder dem Führerschein kramt.

Ich frage mich, wo eigentlich das freizügige Schengendingens geblieben ist, denn das garantierte auch zwischenmenschliche Kommunikation, und die scheint derweil ebenso schwierig, wie eben das Reisen innerhalb und zwischen der EU und ihren Staaten. Denn da bleibt ja noch der Fall Chebli, und ich hätte den Vorfall, den diese Dame, große Teile der Medien und einige besser verdienende Teile der Bevölkerung mit offensichtlich zu viel Zeit, überhaupt nicht wahrgenommen, wäre ich an ihrer Stelle gewesen, und mich hätte der Umgang des Diplomaten auch nicht so sehr verschreckt und in Panik versetzt, wie diese Frau Chebli, und ich frage mich dauernd, wer macht hier wirklich was falsch, und warum bin ich so überhaupt nicht aufgeschreckt.

Bin ich vielleicht zu unnormal, bin ich jetzt komplett falsch erzogen worden, die ich auch einer anderen Person die Tür öffnen würde, hätte sie die Hände voll, und was stimmt eigentlich plötzlich nicht mehr, wenn ich mich mit jemandem einfach nur nett unterhalten und Interesse zeigen will, wenn ich dabei ununterbrochen ins Fettnäpfchen trete und mich schäme, schämen muss, weil plötzlich alles irgendwie sich in Rassismus und Sexismus verkehren kann, was so überhaupt nicht gemeint war und was früher als stinknormale Unterhaltung oder Höflichkeit zwischen Geschlechtern erachtet wurde. Bin ich innerhalb zweier Jahre, und länger geht das noch nicht, völlig neben der Spur? Sollte es tatsächlich so sein, dass das komplette Land nebst seiner Bürger nicht mehr erkennt, wie man sich zu benehmen hat und was sich nicht gehört? Oder kann es im Gegenteil doch eher so sein, dass hier eine Menge durch die neuen Medien aufgebauscht wird, was so nicht diskutiert sondern eher im privaten Umfeld geklärt werden sollte und könnte?

Wisst ihr was, ich lasse mir nicht plötzlich erzählen, ich sei bescheuert, nur weil ich nicht mehr wissen soll, was und wie es sich gehört, wie man mit anderen Menschen umzugehen hat, ich will mir einfach auch nicht dauernd den Kopf zerbrechen müssen, ob, wann und weshalb ich irgendwo etwas falsch gemacht habe, was neuerdings opportun ist, was nicht. Ich brauche ansonsten nämlich ein Handbuch für den Umgang mit anderen Menschen, und für mich war der Türöffner einfach nur höflich und ich wollte meinen Handwerker auch nicht beleidigen oder herabwürdigen, ich will einfach nur leben, und zwar gut und gerne, und das lasse ich mir nicht durch Umgangsformen- und Sprachfetischisten versauen.

Würdet ihr euch also mal bitte wieder wirklichen Themen wie der Umwelt, den Insekten, dem Klima und dem Umgang mit renitenten Landwirten befassen, die wir mit unserem Steuergeld dafür subventionieren müssen, dass sie unsere Schmetterlinge und Maikäfer ausrotten, anstatt die Menschen zu anderem Miteinander, und am besten Vermeidung jedweder Kommunikation, erziehen zu wollen, oder glauben zu müssen? Schafft endlich wieder ein Land, in dem Menschen unbedarft gerne miteinander umgehen und leben, das haben wir nämlich derzeit nicht mehr.

Bitte, Danke!

©denise-a. langner-urso

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