An Kirche und Spießbürgertum erstickt

Ein Erfahrungsbericht

©Dathan / pixelio.de

Vor einiger Zeit haben wir auf Menschenzeitung einen Artikel geschrieben, der einen Leser zu einem Kommentar veranlasste, den wir mit seiner Zustimmung als eigenständigen Artikel veröffentlichen. Es handelt sich um einen Erfahrungsbericht, und wir können aus eigener Anschauung sagen, sein Bericht hat bis heute Gültigkeit, in vielen kleinen Städten ergeht es noch heute Kindern ähnlich, die in katholischen Familien aufwachsen, die allgemein in Familien groß werden müssen, die in die Kirche kriechen, wann immer die glocke bimmelt. Dort wird regelmäßig zum Kirchgang „geprügelt“, was Beine hat, man kennt seine Bibel in- und auswendig, und lebt doch nicht nach ihr, sobald sich die Haustür geschlossen hat, traurig aber wahr. Dort wird Kindheit zum Spießrutenlauf, dort wird gelogen, und betrogen, dass sich die Balken biegen, und viele dieser Familien schließen die Türen nur, damit man nicht hört, was hinter ihnen an Traurigkeit herrscht.

Unser Artikel hatte den Titel: Wenn Bildung tötet – „Gottesbücher“ in die blaue Tonne!

So, und nun danken wir unserem Poster für sein Einverständnis und spannen Sie nicht länger auf die Folter, hier der Artikel:

Heiliger Sonntag.

Es ist Sonntag. Ich hasse Sonntage. Schon als Kind, besonders als mittelmäßiger bis schlechter Schüler, waren mir Sonntage ein Gräuel. Montag war wieder Schule und von Sonntag früh an war mir schlecht.

Heute ertrage ich Sonntage am besten wenn ich nicht weiß, dass Sonntag ist. Das kommt dann vor, wenn ich im Urlaub bin, den Kalender verdrängt habe und ich mich an einem Ort befinde, wo niemand im Sonntagsfrack unter der akustischen Umweltverschmutzung des nervtötendem Gebimmels von Kirchenglocken das friedliche Zusammenleben so bösartig stört. Auch verkaufsoffene Sonntage vertrage ich recht gut, sie vertuschen den beklemmend-scheinheiligen Ruhetag.

Wir waren arm. Wohnten ab dem Kriegsende 1945 als Sudetenlandflüchtlinge in der Diaspora, einer vergessenen Gegend in Nordhessen und glaubten, mehr böhmisch als römisch-katholisch, inbrünstig an den lieben Gott und das noch unter der den Heiden gleichkommenden Landbevölkerung. Diese waren nicht so stumpfsinnig gottgläubig, dafür aber sehr suizidanfällig und durch und durch abergläubisch.

In vielen der knapp dreißig Bauernhöfe des kleinen Dorfes, in der gottverlassenen Gegend des Chattengaus, hat es gespuckt und es gingen nachts die Geister um. Pendel, Bibel und Totenschädel gab es in nahezu jedem Bauernhaus. Besonders obskur die Sonntage, da ging keiner mehr ab Dämmerung in die Nähe des Friedhofes, wo so viele der Bauern lagen, die sich qualvoll in ihren Scheunen am Balken erhängt hatten und für den Spuk verantwortlich waren.

Jeden Abend musste ich am Friedhof vorbei um bei einem Bauer Milch zu kaufen. In die Nähe des gespenstigen Totenhofs kommend, rannte ich unter lautem Beten wie ein Blöder, bis ich außer Atem vor der Tür des Bauernhauses vor Eintritt erst verschnaufen musste. Kindheit kann schrecklich sein, wenn man dumm gläubig, möglichst noch abergläubische Eltern hat, denen die Kirche eine märchenhaft-grässliche Religion skrupellos mittel Androhung von Höllenqualen eingetrichtert hat. Wir sind diesbezüglich immer noch im tiefsten Mittelalter und pflegen unseren oktroyierten siebenten Tag, wenngleich heute mehr mit Fußball als mit scheinheiligen Gottesdiensten.

Ich war auf Geheiß meines dumm-gläubigen Vaters Messdiener und musste somit mindesten einmal am Sonntag als Ministrant mit miserablen Lateinkenntnissen vor dem Altar kniend die Stufengebete unverstanden runter leiern. Die Stellen, die ich nicht auswendig aufsagen konnte, überbrückte ich mit leisem Gemurmel welches sich etwa so anhörte: „rabarababarababa“.

Pfarrer Wanke entging dies natürlich nicht und sprach das Gebet extrem deutlich statt meiner. Oft aber auch nicht, wenn er es eilig hatte, sogar die ihm stets lästige Predigt ausfallen ließ und schleunigst mit der ergaunerten Kollekte, für den angeblich guten Zwecks, in seinem VW-Käfer Richtung Kassel abdampfte. Der Gute Zweck fand dann seinen Niederschlag in der Melodiebar nahe dem Hauptbahnhof oder im Puff in der Altstadt. Alimente musste er nicht zahlen, das übernahm Mutter Kirche für seine sieben Kinder von Bayern bis Nordhessen.

Die Sonntage waren aber auch bezüglich des Outfits verhasst. Es gab nämlich zu meiner Kinder- und Jugendzeit noch den sogenannten Sonntagsanzug, der nicht dreckig gemacht werden durfte, ewig halten musste und sauunbequem war, weil er in weiser Voraussicht und Sparsamkeit auf Zuwachs gekauft wurde.

Zunächst schlabberte er in Überweite, eine Zeitlang kleidete er sogar, wenn man in die passende Größe hinein gewachsen war, doch nicht lange und er wurde eng sitzend mit Hochwasser-Hosenbeinen. Ich litt. In der Grundschule, seinerzeitigen Volksschule, hatte ich ebenfalls unter unserer Armut zu leiden, weil es an allem fehlte, so eben auch an vernünftigen Klamotten.

Die Flüchtlingskinder sahen alle gleich zerlumpt aus, nur die Bauernkinder besaßen Schulkleider, die sie aber nachmittags gegen weniger feine Arbeitsklamotten zu Viehhüten austauschen mussten. Sonntags durften sie die gute Kluft auch ganztägig ertragen. Dann sahen wir alle gleich aus und litten gemeinsam.

Eine Ausnahme bildeten Lederhosen im Bayernstil, die auch Sonntag und sogar im speckigen Aussehen getragen werden durften. Das war erlaubter Status. Ich war überglücklich, als mir solche Krachledernen zuteil wurden. Entbehrungsreich hatte sie meine Mutter für mich angespart. Einen Teil des Ersparten trug ich durch Austragen einer Zeitschrift am Sonntagnachmittag bei, sowohl am Wohnort, wie auch noch in drei umliegenden Dörfern. Das war nicht nur das angenehme Highlight am Sonntag durch Verdienen des Trägerlohns, sonder meist noch des erzielten Trinkgeld wegen, das hin und wieder für das Wanderkino am Sonntagabend im Kirmessaal der Dorfkneipe reichte.

Taschengeld gab´s keins. Auch sonntags nicht und liebend gerne hätte ich auf ein solches sogar verzichtet, wenn es gleichzeitig auch den Sonntag nicht gegeben hätte. Gott sei Dank – ich bin ein Donnerstag- und kein Sonntagskind.

Ich dankte Gott Donar, nicht dem anderen.

 

©inribonax