Parteien, Politik-Politisches Engagement braucht sieben Leben

 

Wer einmal versucht hat sich irgendwo zu engagieren, der weiß, das braucht erstens Zeit und zweitens, was ebenso wichtig ist, Geld, viel Geld. Und wenn ich höre, dass man politisch darüber nachdenkt, wie man Menschen zu mehr politischer Teilhabe verhelfen kann, dann frage ich micht oft, wie betriebsblind so jemand sein muss, denn er arbeitet ja bereits dort, wo er will, dass mehr Menschen sich beteiligen können. Ich habe mich politisch engagiert, das ist ein Höllenritt, mehr ist dazu nicht zu sagen. Geht man von einer rein matriarchalisch oder patriarchalisch aufgebauten Gesellschaft aus, ist politische Beteiligung weniger Problem, denn dann ist klar: der eine Partner hat daheim zu bleiben, denn Haushalt und Kinder müssen auch bewältigt werden.

Bereits in diesem Bereich entstehen Ansprüche. Beteiligung auf niedrigster Ebene als Elternteil wird erwartet, Elternsprecher, kommen Sportvereine hinzu, kommt es noch dicker-da ist ein politischer Alltag kaum noch vorstellbar, wenn beide Elternteile nur einen einzigen Job haben, und die Arbeitsbelastung steigt massiv mit der Zahl der Kinder. Elternteile werden noch heute schief angeschaut, wenn sie sich mehrfach engagieren, das ist so. Irgendjemand leidet immer, irgendwas an Termin muss immer vergessen werden. Das sei erwähnt. Schon ein normaler Alltag kostet gut und gerne die Hälfte eines Tages, mindestens, wenn all das, was oben beschrieben wurde, bewältigt werden muss. Kommt dazu politisches Engagement, kommt ein zweiter Arbeitstag dazu, ist so, war so, Punkt.

Das nächste Problem sind die vielen neuen besten Feinde, die so ein engagierter Mensch plötzlich in der eigenen Nachbarschaft hat. Extrem wird es in dem Augenblick, wo man als Vertreter einer Partei sich ins Nachbarbüro einer anderen Partei retten muss, nur weil man eine abweichende Meinung innerhalb einer Partei hat oder sogar Polizeischutz gegen Kollegen aus der eigenen Partei an Wahlständen benötigt. Und das ist eben auch ab und zu bittere Realität. Mehr will ich dazu hier auch nicht schreiben …

Weiterhin sind mit all dem oben Genannten Kosten verbunden, und die werden nicht ersetzt, wenn man sich gleichzeitig politisch engagieren will, ist auch so, wer anderes behauptet, lügt. Von den gesundheitlichen Kosten will ich nach dem grausamen Tag gestern gar nicht erst anfangen zu reden, ich verweise da lieber nur auf einen einzigen Artikel, den aus dem Spiegel zum Thema.

Und dann entsteht, auch das ist Tatsache, ein weiteres Problem, du wirst auch innerhalb der eigenen Partei immer auf der falschen Seite stehen, im falschen Verein sein, den richtigen gibt es innerhalb von Parteien nicht, auch das ist bittere Wahrheit, und was dann passiert ist auch klar, zu all den bereits existierenden Angriffen kommt massives friendly fire hinzu, unter Umständen derart, dass du schon aus diesen eigenen Reihen mit Nägeln in Autoreifen und mehr rechnen musst, alles erlebt. Ich kann Frau Domscheit-Berg also nur zustimmen, wer sich politisch engagiert, hat die Arschkarte, nicht nur, wenn es um ganz menschliche Bedürfnisse geht, um das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit.

Es geht um mehr, es geht auch um seelische Unversehrtheit, es geht darum, dass man nur ein Leben hat und nicht viele. Und nicht zuletzt geht es um die Frage, wer sich überhaupt finanziell politische Teilhabe leisten kann bis er eventuell da ankommt, wo zumindest einige der dafür notwenigen Kosten erstattet werden und man nicht mehr zahlt, als man im eigenen Beruf verdient. Sehr viele Menschen scheitern schon, wenn es um die Frage der sportlichen Teilhabe von Kindern im normalen Leben geht, wenn nicht bereits die Beiträge für die Klassenkasse zu viel für den Geldbeutel sind, ganz angesehen von der Zeit eben. Und niemand macht sich gerne angreifbar und erklärt vollkommen Fremden, warum er sich was nicht leisten kann, und wird gerne zum Bettler.

Und wer jetzt noch fragt, warum politisch derart wenige Menschen sich nicht beteiligen und statt dessen nur auf Demos gehen, der hat den Schuss tatsächlich nicht gehört. Und wer es getan hat und sich komplett aus dem politischen Alltag abwendet, selbst von Demos nichts mehr hält und erwartet, der hat wohl immer auf der Sonnenseite des (politischen) Lebens gestanden, der ist nicht in der Lage zu sehen, warum was nicht getan wird, getan werden will oder kann, der ist blind für andere oder will nicht sehen und hören. Wer will, dass sich Menschen nicht innerhalb kurzer Zeit aus dem politischen Leben verabschieden, der beginne bei den Strukturen, der führe ein quasi politisches Grundeinkommen ein, sobald Menschen sich um Ämter bemühen, der schütze sie ab diesem Zeitpunkt, der greife ihnen helfend unter die Arme, denn sonst kommen oben eben tatsächlich immer nur die an, die man heute als alte weiße Männer und Frauen beschimpft, und selbst die hatten es bis dahin nicht leicht.

Politisches Engagement? Vergesst es, sieben Leben hat niemand, es sei denn, er pfeift auf das ganz normale kleinbürgerlich genannte, soziale Umfeld und hat irgendwo einen Geldsack unter dem Kopfkissen liegen, von dem niemand weiß außer ihm selbst …

Wer es jedenfalls versucht hat und erlebt hat, sich dagegen entschieden hat, den gewinnt man dafür im Leben nicht zurück, der dreht diesem Leben den Rücken zu, der engagiert sich innerhalb der Parteien nie wieder.

 

©denise-a. langner-urso

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